Die HausGeschichte

Manchmal gehen Zeiten zu Ende.

Zeiten der Liebe, Zeiten des Aushaltens, Zeiten des Wartens,
Zeiten des Versuchens.
An solch eine Zeit kam ich am Anfang des Jahres 2011.
Es sollte ein Jahr von solch gravierender Veränderung in meinem Leben werden, wie noch keine Zeit vorher.
Ich stieg aus einer fast 20-jährigen Beziehung aus.

Wie wahrscheinlich (fast) immer, bringt solch eine Veränderung
viele  tiefe und verschiedenste Gefühle mit sich.
Mein größtes Gefühl war Angst.
Ich hatte nicht nur mein Zuhause, das ich nun verließ, sondern auch mein Arbeitszimmer, in dem meine PEKiP Gruppen stattfanden und die ersten Schritte meiner therapeutischen Arbeit.
Somit brauchte ich nicht nur ein neues Zuhause für meine Mädchen und mich, sondern auch einen Arbeitsraum.
Ich dachte darüber nach, dass wenn ich eine Wohnung für drei Personen mietete und mir eine Praxisgemeinschaft suchte,
in der ich mit arbeiten konnte, ich für das anfallende Geld auch ein Haus abzahlen konnte.

Das Problem nur: Ich hatte gar kein Geld.

Da saß ich nun. Ohne festes Einkommen, ohne Eigenkapital,
mit meiner Angst und sah ins Internet.
Ich gab ein: Immobilie, Wohnen und Gewerbe, Lübeck und Umgebung und es kamen 4500 Suchergebnisse.
Ich habe gedacht, bloß nichts verpassen und startete los.
Das erste Haus, das aufging, war mein altes Großelternhaus.
Von 4500 Suchergebnissen… Mir wurden die Knie weich.
Dieses Haus und auch dieser Ort waren für mich immer der Inbegriff von Zuhause gewesen.
Ich habe dort die ersten zehn Jahre meines Lebens sehr geborgen verbracht.
Nach dem Tod meiner Großeltern 1982 und 1988 wurde das Haus von dem Bruder meiner Mutter aus der Familie raus verkauft.
Aus dem Gefühl von „Wie soll das nur gehen“ war sofort ein
Gefühl da von „Oma und Opa sind bei mir“ …es wird alles gut werden…

Die Geschichte meiner Großeltern

Bevor es nun mit meiner Hausgeschichte im Jahre 2011 weiter geht, erzähle ich von der Geschichte, wie meine Großeltern dieses Haus als Zuhause bekamen.

Mein Opa kam aus Westfalen. Meine Oma ist in Dassow geboren.
Dort hatten meine Urgroßeltern eine Brauerei und eine Kneipe.
Mein Opa hat sich in meine Oma verliebt und umgekehrt.
♥ Sie heirateten 1938 und lebten bis zu ihrem Tod eine wunderbare Liebe.
Mein Opa baute seiner Familie Anfang der 50er Jahre in Dassow im heutigen Mecklenburg-Vorpommern ein Haus.
Wenn ich an meinen Opa denke, kommt immer ein Lächeln über mein Gesicht.

Ich fand, niemand roch so gut wie er. Außerdem sah er aus wie ein Filmstar.
Meine Oma war so lieb. Sie kümmerte sich um mich, wenn meine Mutter arbeitete und sie kochte wie eine Göttin.
Meine Mutter sagte immer, dass Oma eine viel bessere Köchin
war als sie.
Sie maß nie etwas ab, machte alles nach Auge und es schmeckte wunderbar.
Ich denke, dass meine Mutter genauso gut kocht, wie ihre Mutter
es tat, aber in ihrer Erinnerung schmeckt wohl alles besser.

Mein Opa war immer ein beliebter Mann, immer mittendrin

Zu Ende der 50er Jahre bekam er eines Tages den Tipp, dass er an diesem Abend von der Stasi abgeholt würde. Er bekäme die Wahl.
Entweder für die Stasi spitzeln oder ins Gefängnis.
Es war für ihn nicht die Frage.
Seine Freunde würde er nicht verraten. Somit trafen sie zusammen eine Entscheidung für ihr Leben. Er schrieb seiner Frau einen Brief.
Darin stand, dass er mit einer anderen Frau durchgebrannt ist
und sie und die Kinder verlassen hat.
Dann ging er zum Dassower See und stieg ins Wasser.
Er schwamm im Dunkeln, zwischen den patrouillierenden Booten hindurch bis nach Travemünde.
Was für eine Entscheidung. Sie waren bereit, für ihre Seele und die Ehrlichkeit in ihrem Leben alles hinzugeben.
Ich bin wahnsinnig stolz auf meine Familie.

Zu dieser Zeit saß meine Oma, verrückt vor Sorge um ihren Mann und den Heimatverlust vor Augen am Küchentisch.
Die Stasi kam und sie zeigte weinend den Brief. Somit gingen die Männer unverrichteter Dinge wieder und sie packte ein paar Sachen.
Sie nahm ihre Kinder und ein Freund, der ein Taxi besaß, fuhr sie nach Berlin. Ausreise aus der Ostzone war schon nicht mehr möglich, nur wer großes Glück hatte, bekam in einem Flugzeug noch einen Platz in den Westen.
Meine Oma hatte dieses Glück.
Ich glaube, das Leben wollte dieses Paar nicht trennen.
Mein Opa stand am Flughafen, in jedem Flugzeug erhoffte er seine Liebsten. Und so kam es.

Sie waren wieder zusammen ♥

Eine vorübergehende Bleibe war eine Flüchtlingsunterkunft in Wulfsdorf.
Fast zwei Jahre lebten sie beengt mit einer anderen Familie in einem Zimmer.
Meine Oma kam aus einer Kneipenfamilie und als in Krummesse die Kneipe am Kanal zum Verkauf stand, griffen sie zu.

Mein Opa war Maurer, er hat die Sportunterkünfte für die olympischen Spiele 1936 mitgebaut ;-).
Also baute er an das Gebäude kurzerhand einen Tanzsaal an.
Oma kochte und Opa sorgte für einigermaßen glimpflich verlaufende Abende. Meine Mutter erzählte immer mit gruseln in der Stimme, „Alles ging gut, bis die Melker vom Gutshof runter kamen. Dann gab es immer Schlägereien.“
Meine Oma kochte wunderbar.
Einmal saß ein Mann am Tisch, der sie fragte, „Sag mal Erika, was kostet eigentlich Soße?“ Daraufhin sagte sie, „Soße? Die kostet gar nichts.“
Er meinte glücklich, „Gut, dann möchte ich bitte dreimal Soße“ 😀
Meine Großeltern lebten bis zu ihrem Tod ein sehr bescheidenes Leben. Urlaub gab es nie. Der Alltag war dominiert von Arbeit und sich kümmern.
Ihr Leben war erfüllt von Liebe zueinander und ihrer Familie gegenüber.

Oma

Meine Mutter bekam mich mit 20 Jahren.

Wie ihr euch vorstellen könnt,  ich kam überraschend.
Meine Mutter war noch in ihrer Ausbildung in Hamburg.
Sie wohnte in ihrer kleinen Wohnung in Lübeck.
Sie entschied sich, es ihren Eltern in einem Brief mitzuteilen.

Ein Brief kommt an

Etwa so: Ich bin schwanger, ich bekomme das Kind und ich
heirate ihn nicht. Das finde ich bis heute unglaublich mutig.
1970 so ein Ding durchzuziehen.
In meiner Schulzeit gab es noch Kinder, die durften nicht mit
mir spielen, weil ich unehelich war.
Na ja, so weit, so gut.
Auf jeden Fall kam meine Mutter an diesem Abend des Briefes
mit dem Zug und ihrer Freundin wieder in Lübeck an.
Die Freundin sagte: „Deine Eltern sind auf dem Bahnsteig.“
Sie wollte erst nicht aussteigen, tat es natürlich aber doch.
Man kann ja auch nicht sein Leben in einem Zug verbringen.
Da standen sie also, mit einem Blumenstrauß und sagten,

„Wir schaffen es zusammen!“

Somit zogen wir (ich noch im Bauch) zu meinen Großeltern.
Meine Mutter hat für mich gesorgt, im Nachhinein kann ich nicht
erinnern, dass sie mal nicht da war. Sie war immer bei mir.
Aber tatsächlich hat sie ihr ganzes Leben Vollzeit gearbeitet, um
uns beide zu versorgen. Davor ziehe ich meinen Hut.

Ich als Baby

Meine Mutter sagte mir mal einen Satz, der mich heute noch
beeindruckt (sie hatte viele solcher Sätze auf Lager, aber das ist einer meiner Favoriten).
Sie sagte: „Du kannst mit vielem leben. Mit wenig Geld, Unruhe,
es muss nicht immer leicht sein, aber eines Nicky sag ich dir.
Leb nie ohne Liebe.“ Daran hab ich mich gehalten.
Als ich fünf Jahre alt war, kam ein wunderbarer Mann in unser Leben.
Mein Stiefvater… aber dieser Begriff ist völlig falsch für ihn.
Er wurde mein Anker und Vorbild in unendlich vielen Dingen meines Lebens.
Der pädagogische Ansatz, den er aus seiner Liebe und seinem Vertrauen  zu mir geschaffen hat ist die Grundlage meiner Pädagogik, die ich heute den Eltern in meiner Arbeit vermittel.
Diese findest du in der Kategorie ErziehungsThemen

Bis ich zehn Jahre alt wurde, lebten wir also in unserer separaten Wohnung im Haus meiner Großeltern.
Die Kneipe gab`s zu meiner Zeit schon nicht mehr, ich war also kein Kneipenkind… 😉 .
Aber immer wieder, wenn die Leute mitbekommen, in welche Familie ich gehöre, höre ich schöne Geschichten aus dieser Zeit.
Der halbe Ort hat hier geheiratet und viele, viele bekamen in diesen Räumen ihren allerersten Kuss.
Einmal sagte jemand… „oh, die Kneipe deiner Großeltern. Das war die erste Lottoannahmestelle in ganz Schleswig-Holstein.“ 😀
Den Jackpot geknackt hat hier aber, so glaube ich, niemand.
Auf jeden Fall nicht den von Lotto.  😉

Ich liebte dieses Haus

Den Kastanienbaum in dem Pastorengarten an der Grundstücksgrenze, den Kanal und den Wald.
Die Bäche und Bäume zum Klettern.
Ich habe eine Kindheit erlebt, wie sie besser nicht sein kann.

Mit den Wurzeln der Liebe für die Standfestigkeit und der Freiheit
des Vertrauens für die Entfaltung meiner Persönlichkeit.
Als ich elf war, starb meine Oma. Still und leise, so wie sie gelebt hat. Mein Opa zerbrach fast. Er blieb noch eine Weile aber 1988 ging er wieder zu ihr.
Ein Jahr vor der Grenzöffnung. Ist das nun gut oder ist es schlimm?
Wäre es für ihn schön gewesen noch mal sein Haus zu sehen?
Das Haus, was er für seine Familie gebaut hat und von dem er sich
gar nicht richtig verabschieden durfte? Was enteignet wurde?

Ich kann es nicht sagen, aber was ich weiß ist, dass diese Zeit sein
größtes Lebenstrauma war.
Dazu erzähle ich in der Rubrik Aufstellen irgendwann mal die
Geschichte meines Opas.

Oma und Opa am Tisch
Nun kennt ihr meine Verbindung zu diesem Haus.
Es geht wieder zurück ins Jahr 2011.

Ich kam nach Hause

Ich kam nach Hause

Mit dem Makler traf ich mich in meinem alten Zuhause

Meine Eltern kamen zum Termin mit, meine Mutter hatte in diesem Haus 38 Jahre ihres Lebens verbracht.
Es war in einem unsäglichen Zustand. Es stank, war verschimmelt,
die Wände schwer durchfeuchtet (so stand es im Gutachten…), dreckig…
ein 350 m² großer Alptraum… Es war ohne Worte.

In mir spielte das alles keine Rolle.
Es war nur ein Gefühl von Nachhausekommen.

Schimmelbild 1 Schimmelbild 2 Schimmelbild 3 Schimmelbild 4

Ich ging durch die Räume, mit verklärtem Lächeln und dachte,
alles wird gut.
Der Makler muss gedacht haben, ich hätte was geraucht.  😉
Natürlich wussten weder der Makler noch die damalige Besitzerin,
auf welche Weise ich mit diesem Haus verbunden war.

Gott sei Dank bin ich oft ein sehr naiver Mensch.
Somit hab ich nicht überblickt, was emotional sowie finanziell da auf mich zukam.
Hätte ich eine Ahnung gehabt, ich denke, dass mir der Mut gefehlt hätte.
Nach kurzem Verhandeln mit der Bank, das Haus stand haarscharf vor der Zwangsversteigerung und kein Mensch, der noch alle Kerzen auf der Torte hat, hätte dieses Haus gekauft, einigten wir uns auf einen Preis.

Nun musste eine Bank her.

Eine Bank, die bereit war, einer selbstständigen Frau, alleinerziehenden Mutter, die kein Eigenkapital hatte, aber dafür sehr überzeugt von ihrer Idee des Seminarhauses war, einen Kredit zu geben, der nicht unwesentlich höher war als der Wert des Hauses.

Meine Bank, bei der ich ein Konto hatte, seit ich als Jugendliche in meine Ausbildung ging, war nicht mal bereit, mir ein persönliches Gespräch zu geben. Internetbanken fielen aus, das Haus war zu alt.
Mein wunderbarer Finanz- und Versicherungsmakler David Pakula von der A.S.I Wirtschaftsberatung in Lübeck, ich danke dir für deine Unterstützung in all diesen Jahren, wurde bei verschiedenen Banken vorstellig.
Es gestaltete sich nicht einfach.

Meine Freundin Alexi ♥, die, bevor sie sich auf das Großziehen ihrer wunderbaren Kinder konzentrierte, eine selbständige Werbefrau war, erzählte mir, das die Volksbank Lübeck das sei,  was im Namen steht, eine Bank für das Volk.

Somit rief ich dort an. Ich telefonierte mit der wunderbaren Frau A., die sagte, sie wolle im Vorwege kein Konzept über das geplante Seminarhaus geschickt  bekommen.
Ich bräuchte es erst zum Termin mitbringen.
Das war ja schon mal unglaublich. Ich hatte ein persönliches Gespräch.
Sie sagte, „Ich brauche im Vorwege nichts Schriftliches. Ich möchte Sie sehen und gucken ob Sie es schaffen können.“

Ich liebte diese Frau jetzt schon

Dass es in dieser (Geschäfts)Welt noch Menschen gab, in denen der Mensch mit seinem Vorhaben die Priorität ist, Waaaahnsinn….

Natürlich waren meine Umsätze okay, aber trotzdem hatte ich meine Praxis noch nicht lange.
Sie sagte in diesem ersten Gespräch im Januar 2011, „ja Frau Klütz,
das sieht gut aus. Das muss natürlich noch hier im Haus abgesegnet werden, aber das hier sieht schon mal gut aus.“
Ich erwiderte, dass es hier für mich um meine Zukunft ginge und was passieren könnte, das es nichts wird und sie sagte, „Wenn ein geheimes Atomendlager in meinem Garten gefunden würde.“ (Später wurde so etwas Ähnliches tatsächlich noch gefunden, aber dazu komme ich noch).
Ob ihr es glaubt oder nicht, in diesem Moment brach die Sonne durch die Wolken und der ganze Tisch lag im Sonnenlicht.
In diesem Moment wurde es tatsächlich denkbar, dass unser Leben dort weiter gehen könnte, wo ich ursprünglich meine Wurzeln hatte.

Meine Eltern schlugen mir vor, die Wohnung im Obergeschoss zu beziehen, sodass aus unserem neuen Zuhause im Handumdrehen ein Dreigenerationenhaus wurde. Wie wunderbar.

Die Zusage über den Kredit kam Anfang März und die Übergabe fand dann am 01.05.2011 statt.
Weil die Zeit bis dahin furchtbar lang war, füllte ich sie mit sehr naiven Mädchenplänen.
Ich errechnete für die zwei Küchen, Laminat, Tapeten, Farben, Gardinen und Lampen bräuchte ich ca. 20.000 Euro.
Während ich das hier schreibe, schäme ich mich tatsächlich ein bisschen. 😀

Wie die ganze Arbeit geschafft werden sollte, wusste ich auch noch nicht…

…. aaaaber ich war mit Feuereifer dabei.
Wunderbare Männer im Freundeskreis sagten ihre Unterstützung zu und ich brannte aufs Anfangen.
Am 01.05.2011 übernahmen wir um 10 Uhr das Haus. Wir alle weinten ein bisschen. Ich vor Glück und die Mädchen vor Entsetzen.
Dieses habe ich in meinem Zustand aber nicht realisiert und dachte glücklich, oh wie schön sie es finden. 😀
Den ganzen Tag verbrachte ich damit, liebevolle Menschen durch das Haus zu führen.
Alle waren sehr taktvoll, wie sich später herausstellte war das Grundgefühl der Meisten: „Ach du Scheiße…“

Am nächsten Tag ging es los.
Die Tapeten (Latexfarbe auf Latextapete… Doppelt hält besser) abreißen, Wände einreißen und wieder aufbauen, Elektrikschlitze in Wände stemmen, 10 km Kabel ziehen usw.
Meine Freundinnen Snjezie und Alexi schrieben eine Bewerbung für „Zuhause im Glück“ aber mein Schicksal reichte wohl nicht aus… 😉

Elektrik DanielSchimmelbild 5Schimmelbild 6

Was dann passierte, wurde das Abenteuer meines Lebens.
Über vier Monate kamen insgesamt 56 Leute aus meinem Freundes- und Arbeitskreis und standen in Arbeitssachen auf der Baustelle.
Sie sagten Dinge wie: “Nicky, ich hab gehört, du brauchst Hilfe?“
Es wurde viel gelacht, von mir unheimlich viel geweint, ganz nach dem Motto, Gefühle müssen raus, sonst wird man krank.
Gott sei Dank waren genug Arme da, die mich gehalten und getröstet haben.
Der Bau eskalierte total. Immer neue Baustellen taten sich auf, aber niemand gab auf.
Ich erlebte die hilfloseste Zeit meines Lebens. Ich musste zweimal nach finanzieren.
Alle hielten mit mir durch. Meine Helfer, meine Familie, meine Bank.

Ich fühlte mich gehalten im freien Fall.

Tatsächlich kann ich auch nach all den Jahren und all den Katastrophen die dann in den nächsten Jahren noch kamen und von denen ich euch noch erzählen werde, sagen, dass es nicht mal einen kurzen Moment gab, an denen ich es bereut habe, dieses Haus zu kaufen.

Es ist meine schwerste Prüfung und mein größtes Glück.
Mehr zuhause geht für mich nicht.
An jedem Tag, wenn ich durch diese Räume hier gehe, denke ich, was für ein Glück ich habe, dass ich hier sein darf.
Nach vier Wochen zog ich auf die Baustelle.
Ein Arbeitsraum war fertig sodass die HalteStelle im neuen Zuhause sesshaft wurde und ich meine Arbeit machen konnte.
Ich musste ja auch Geld verdienen.

Eines Tages kam ich aus der Dusche und kletterte über die Schuttberge des Wohnzimmers als plötzlich mitten in diesem Zimmer ein älterer Mann vor mir stand.
Wir sahen uns an, er lächelte breit und sagte: „Hallo mein Lütten. Willkommen zu Hause.“
Ich erkannte einen sehr guten Freund meines Opas.
Mindestens 30 Jahre hatte ich ihn nicht mehr gesehen aber ich erkannte ihn sofort. Ich stürzte in Herrn Wobigs Arme.
So wie ich sagte, mehr zuhause geht nicht.

Das Haus bekommt ein neues Kleid und der Garten wird gemacht

Ich bemerkte, wie tief meine Atmung wurde und wie die Anspannung der letzten Jahre entlastete.
Ich kam an.  Im Haus, in meinem neuen Leben, bei mir.
Veränderung ist immer schmerzhaft, aber es lohnt sich.
Das einzig Verlässliche ist der Wandel, wie wahr.

Wo wir bei guten Sätzen sind, es gibt einen Satz, den ich beim Einkaufen auf einer Postkarte in so einem Postkartenständer gelesen habe.
Gekauft habe ich diese Karte damals nicht aber der Satz hat mich durch die Trennung gebracht.
Auf der Karte stand: „Wer los lässt, hat zwei Hände frei“
Was für ein Satz. ♥ Er begleitet mich seit dieser Zeit und erinnert mich, meine Lebensenergie in die richtigen Dinge zu stecken.

2012

Im zweiten Jahr machten wir uns an den Garten.
Wieder so ein Gemeinsamding. Großartig.
Es wurden Hecken und Büsche weggenommen, Terrassen entfernt,
Erde aufgefüllt usw. usw. …

Fachliche Hilfe bekamen wir von einem Garten- und Landschaftsfachmann.
Er ist verheiratet mit einer wunderbaren Frau, die beim Aufstellen schon lange Zeit dabei ist. Die Geschichte ist zu schön um sie euch
vorzuenthalten… 😉 (bald in der Rubrik Aufstellen)

Die zweite Aktion des Jahres war das Streichen des Hauses.

Grünes Haus vorneUngestrichenes Haus Seite

Dabei machte ich unter Anderem die Erfahrung, dass Außenfarbe ungefähr das vierfache Gewicht hat wie Innenfarbe.
Wir rüsteten das Haus ein, sodass ich in Ruhe das Haus dampfstrahlen, grundieren und zweimal streichen konnte.

Geld, es machen zu lassen, hatte ich natürlich nicht, also selbst ist die Frau. Das Problem dieser ganzen Geschichte war allerdings meine ziemlich intensive Höhenangst, die ich seit meinen Schwangerschaften mein eigen nennen durfte…
Also krakselte ich mit einem Kaffee und einem Eis durchs Fenster im ersten Stock auf das Gerüst. Dort blieb ich zwei Stunden hocken, erst festgeklammert und dann mit schaukelnden Beinen mit Blick auf den Kanal.

Haus streichen Seite                 Haus streichen Marleen, Kati, ich

 

 

 

 

 

Somit: Lasst euch nicht durch eure Ängste ins Bockshorn jagen.
Immer Schritt für Schritt. Nicht überfordern aber raus aus der Komfortzone.
Tatsächlich bekam mein Haus eine neue Farbe und ich verlor meine Höhenangst.
Zeitweilig bekam ich Freundinnenhilfe, noch heute lache ich über die auch höhenängstliche Snjezie, die zum Haus malen auf dem Gerüst mit Flipflops kam!

Manchmal war die Arbeit so ein großer Berg

Ich dachte, es wird nie fertig. Ich kann das nicht schaffen.
Aber das stimmt nicht. Wir gehen immer ein Schritt nach dem Anderen.
Die Überforderung kommt, wenn man zurücktritt und sich den ganzen Berg und das dahinter liegende Gebirge ansieht.
Dann kommt zuerst der Mutverlust und dann kommt die Erstarrung.
In dieser Zeit hab ich mir angewöhnt, immer nur auf die kommenden Schritte zu schauen. Sich zu freuen, was schon geschafft ist.
Und plötzlich….ist es wirklich geschafft. ♥
Lustigerweise bekam ich in dieser Zeit im Dorf oft zu hören, „Na, jetzt passiert ja ordentlich was bei dir…“
So ist es eben oft. Dinge werden von außen angeschaut und das prägt das Erscheinungsbild.
Die ganze innere Arbeit ist oft nicht so auf den ersten Blick zu sehen.
Die innere Arbeit ist aber bei Weitem das Wichtigste. 🙂

Haus gestrichen, Zuhause

Eindeutig zu viel Wasser

Wir kommen ins Jahr 2013

Es wurde ein sehr anstrengendes Jahr.
Das Haus war immer schon nass. Es liegt unten am Berg. Auf der anderen Seite ist der Kanal. Auf den zwei Grundstücken davor und dahinter befinden sich zwei unterirdische Quellen.
Wir sind also eingekreist von Wasser.

Eine Freundin erzählte mir letztens, schon zwei Brunnenbauer haben auf ihrem Grundstück aufgegeben, da das Wasser zu tief liegt.
Bei mir muss man nur einen Wasserhahn in die Erde stecken. 😉

Drainagebild vorneDrainagebild rechte Hausseite

Durch das Zukleistern aller Wände mit Latex ist das Haus total abgesoffen. Somit hat mein Bauheld Bernd gesagt, „Nicky, wir brauchen eine Drainage.
Wir fangen mit der Bergseite an. Das ist die wichtigste Seite. Die Anderen machen wir später. Das ist auch zeitlich und finanziell zu überblicken.“
Gesagt, getan. Minibagger gemietet, an die Schaufeln, los.
Ich in die Grube, Schwarzschicht und Plane an die Wand.

Drainagebild Daniel

Es war unglaublich, wie viel Wasser da war…

Wir kamen zu der Erkenntnis, es reicht nicht. Wir müssen die anderen Seiten auch machen, es ist einfach zu viel Wasser. Somit, finanzielle und damit emotionale Eskalation meinerseits…. man man man, wie anstrengend.
Außerdem war mein schöner Garten wieder kaputt.

Drainage alles kaputt 3

Einer meiner Baujungs im Minibagger erwischte dann meine Hauptwasserleitung.
Der Garten bekam einen Swimmingpool.
Panik brach aus, alle rannten durcheinander. Wir suchten auf dem Seitenweg den Gemeindeanschluss. Alles da war verrostet.

Ich dachte, er reißt den Stöpsel aus der Erde, so zerrte er am verrosteten Wasserrad. Endlich bewegte sich das blöde Ding.
In der Ferne hörten wir schon die Sirene der nahenden Feuerwehr…
Als der Anschluss zugedreht war, rannten alle los um zu sehen, ob das Rohr verschlossen war.
Er schmiss das Werkzeug hin, kam zu mir, die wieder mal heulend in der Gegend rum stand, umarmte mich und sagte: „Wir sind immer bei dir.“ Gehalten im freien Fall.
Dann rannte er den Anderen hinterher. Ein sehr guter Freund  blieb bei mir stehen, guckte mich an und sagte, „Wenn es mir so geht wie dir gerade, will ich immer allein sein. Ist das bei dir auch so?“
Neeeeeeiiiiin…. Natürlich nicht. 😀
Somit hatte er mich im Arm, bis es wieder ging.

2013 war noch nicht zu Ende

Wir saßen beim offenen Aufstellungsabend gemütlich im großen Raum und ich erzählte über die Methode, als ich plötzlich die Aufmerksamkeit der Gruppe verlor. Alle guckten aus dem Fenster.
Ich dann natürlich auch. Mein Garten und der Seitenweg waren voller Polizei und Feuerwehr. Ich dachte, in manchen Zeiten ist Verdrängung das erste Mittel der Wahl. 😉 Auf jeden Fall erst einmal…

Ich zog die Gardinen zu und sagte, das ist nichts, was uns kümmern muss. Hoffentlich, dachte ich… und wir hatten einen tollen Aufstellungsabend.
Nach Feierabend ging ich zu meinen Eltern nach oben, um zu fragen,
was da draußen los ist.
Meine Mutter war in Tränen aufgelöst und sagte, „Der ganze Kanal
schwimmt voller Öl und die sagen, es ist unser Öl.“ Puuuuuuhhhh.

Erst Wasser dann Öl

Ich dankte schon mal vorweg in Gedanken meinem, schon erwähnten Versicherungsmakler David Pakula, der mir riet, nicht die billigste, sondern die beste Versicherung zu nehmen.
Es wurde eine Druckprüfung der Ölleitung gemacht, die von der Garage zum Haus geht, aber die Leitung war in Ordnung. Dann stellte sich heraus, dass der Boden unter der Garage voller Öl war.
In dem Winter brach dann ein Abflussrohr unter der Garage und das ölige Grundwasser wurde in den Kanal geschwemmt.
Wie und wann auch immer dieses Öl dahin gekommen ist, ich habe keine Ahnung.
Wer überprüft den Boden unter einer Garage. Meine Güte!
Meine Schwester wollte Banner drucken lassen für die Brücke mit der Aufschrift: Nicky tötet Babywale!
Ein Hoch auf Familienzusammenhalt in schwierigen Situatione! 😀

Über ein halbes Jahr war ich im Ungewissen, ob meine Versicherung es bezahlt, denn die Versicherung ist für einen Schaden zuständig, den ich mache und nicht für Einen, den ich kaufe. Wieder Angst, ich schaffe es nicht, verliere ich das Haus? Aber alles ging dann letztendlich gut.
Aber das Amt legte mir die Öltanks still. Somit investierte ich in eine neue Heizung und stellte von Öl- auf Gas um. Wieder so wahnsinnig hohe Ausgaben.
Mir passieren dann immer so verrückte Dinge, da denke ich immer, das fühlt sich an wie geführt.
Die Hälfte des Geldes für die Heizung bekam ich irgendwie noch aufgebracht. Bei der anderen Hälfte, 7500,- hatte ich keine Idee.
Ich sorgte mich sehr.

2013 brauchte ich einen Banküberfall

Manchmal ist Ordnung toll  😉

Meine Mädchen verlassen um sieben Uhr das Haus um zur Schule zu fahren. Ich saß also dann beim Frühstück und überlegte, was ich tun könnte um die Heizung bezahlen zu können.

Dann entschied ich, um mich nicht weiter verrückt zu machen, mich abzulenken.
Also fing ich an, meine Schublade aufzuräumen in der ich die ganzen homöopatischen Mittel habe. Ich beschriftete alles und war sehr stolz über mein Werk so früh am Morgen.
Motiviert dachte ich nach, was ich noch sortieren könnte.
Solche Motivationen muss ich nutzen, sie kommen bei mir seeehr selten vor… 😉

Also holte ich meinen Versicherungsordner aus dem Regal und fing an, die lose rumfliegenden Rechnungen zu sortieren und ein zu heften.
Da fiel mir eine alte Versicherung ins Auge. Ich dachte, ach die ist ja mal durch einen anderen Vertrag abgelöst worden, die kann ich bestimmt entsorgen.
Um ganz sicher zu sein und es war inzwischen auch acht Uhr, rief ich bei der Versicherung an. Ich fragte den sehr netten Mann am Telefon, ob ich die Unterlagen wegschmeißen kann und er lachte und sagte,
neee, Frau Klütz. Das lassen Sie mal, die Versicherung ist aktiv.
Wie aktiv?
Er sagte, die bezahlen Sie regelmäßig.
Wie hoch ist der Rückkaufswert? …und da sagt der Retter meines Heizungsproblems: 7.500,-.

Das ist doch unglaublich, oder? Ich Chaoselse.
Noch niemals in meinem Leben und bestimmt auch niemals wieder werde ich um halb acht Uhr morgens beim ersten Kaffee des Tages meinen Versicherungsordner aufräumen. Das ist wie geführt.

Vertraut dem Großen und Ganzen.
Seid mutig.
Wege ergeben sich beim Gehen.

Ich habe zu diesen ganzen Geschichten des Hauses ja eine Theorie.
Das Haupthaus ist um 1900 gebaut. Unendlich viel wurde daran herum gebaut. Hier was dazu, dort was weg.
In diesem Haus war nie jemand, der sich wirklich ums Haus
gekümmert hat. Nun bin ich hier.
Ich mache es jetzt schön. ♥

Es kommt mir manchmal so vor, als wenn das Haus denkt,
oh, sie investiert in mich, schnell, schnell, alles mitnehmen bevor sie nicht mehr kann. 😉
Somit habe ich dann 2013 dem Haus gesagt, dass ich verstehe,
dass es mit mir zum Niedrigenergiehaus mutieren will.
Ich bleibe auch aber in dem Tempo geht es nicht.
Ich kann nicht mehr… Haus, mach eine Pause.
Das Haus und ich sind verbunden.
Ich merke das in einer intensiven Sicherheit. Trotz der ganzen Eskalationen.
Somit hörte das Haus auf mich 😉 es machte Pause, drei Jahre lang.
Dann holte es tief Luft und sagte, nun geht es weiter und zwar richtig! 2016

Momentan fehlt mir noch der Humor in dem Gedanken an die vergangenen eineinhalb Jahre, um aufzuschreiben, was uns da passierte.
Ich brauche noch ein bisschen Zeit, aber dann geht es mit der HausGeschichte weiter… denn das Haus und ich gehören zusammen…mehr zuhause geht nicht. ♥

Nicky

2 Antworten auf „Die HausGeschichte“

  1. Die Sanierung vom Haus war eine anstrengende, aber auch großartige Zeit – selten hab ich beim Arbeiten so viel gelacht! Spaß und Zusammenhalt standen immer im Vordergrund, egal wie groß die Katastrophen auch waren. Danke für diese intensive Zeit, ich denke immer noch gerne daran, wenn wir zusammen im Wintergarten sitzen 😊

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