Die HausGeschichte

Manchmal gehen Zeiten zu Ende.

Zeiten der Liebe, Zeiten des Aushaltens, Zeiten des Wartens,
Zeiten des Versuchens.
An solch eine Zeit kam ich am Anfang des Jahres 2011.
Es sollte ein Jahr von solch gravierender Veränderung in meinem Leben werden, wie noch keine Zeit vorher.
Ich stieg aus einer fast 20-jährigen Beziehung aus.

Wie wahrscheinlich (fast) immer, bringt solch eine Veränderung
viele  tiefe und verschiedenste Gefühle mit sich.
Mein größtes Gefühl war Angst.
Ich hatte nicht nur mein Zuhause, das ich nun verließ, sondern auch mein Arbeitszimmer, in dem meine PEKiP Gruppen stattfanden und die ersten Schritte meiner therapeutischen Arbeit.
Somit brauchte ich nicht nur ein neues Zuhause für meine Mädchen und mich, sondern auch einen Arbeitsraum.
Ich dachte darüber nach, dass wenn ich eine Wohnung für drei Personen mietete und mir eine Praxisgemeinschaft suchte,
in der ich mit arbeiten konnte, ich für das anfallende Geld auch ein Haus abzahlen konnte.

Das Problem nur: Ich hatte gar kein Geld.

Da saß ich nun. Ohne festes Einkommen, ohne Eigenkapital,
mit meiner Angst und sah ins Internet.
Ich gab ein: Immobilie, Wohnen und Gewerbe, Lübeck und Umgebung und es kamen 4500 Suchergebnisse.
Ich habe gedacht, bloß nichts verpassen und startete los.
Das erste Haus, das aufging, war mein altes Großelternhaus.
Von 4500 Suchergebnissen… Mir wurden die Knie weich.
Dieses Haus und auch dieser Ort waren für mich immer der Inbegriff von Zuhause gewesen.
Ich habe dort die ersten zehn Jahre meines Lebens sehr geborgen verbracht.
Nach dem Tod meiner Großeltern 1982 und 1988 wurde das Haus von dem Bruder meiner Mutter aus der Familie raus verkauft.
Aus dem Gefühl von „Wie soll das nur gehen“ war sofort ein
Gefühl da von „Oma und Opa sind bei mir“ …es wird alles gut werden…

Die Geschichte meiner Großeltern

Bevor es nun mit meiner Hausgeschichte im Jahre 2011 weiter geht, erzähle ich von der Geschichte, wie meine Großeltern dieses Haus als Zuhause bekamen.

Mein Opa kam aus Westfalen. Meine Oma ist in Dassow geboren.
Dort hatten meine Urgroßeltern eine Brauerei und eine Kneipe.
Mein Opa hat sich in meine Oma verliebt und umgekehrt.
♥ Sie heirateten 1938 und lebten bis zu ihrem Tod eine wunderbare Liebe.
Mein Opa baute seiner Familie Anfang der 50er Jahre in Dassow im heutigen Mecklenburg-Vorpommern ein Haus.
Wenn ich an meinen Opa denke, kommt immer ein Lächeln über mein Gesicht.

Ich fand, niemand roch so gut wie er. Außerdem sah er aus wie ein Filmstar.
Meine Oma war so lieb. Sie kümmerte sich um mich, wenn meine Mutter arbeitete und sie kochte wie eine Göttin.
Meine Mutter sagte immer, dass Oma eine viel bessere Köchin
war als sie.
Sie maß nie etwas ab, machte alles nach Auge und es schmeckte wunderbar.
Ich denke, dass meine Mutter genauso gut kocht, wie ihre Mutter
es tat, aber in ihrer Erinnerung schmeckt wohl alles besser.

Mein Opa war immer ein beliebter Mann, immer mittendrin

Zu Ende der 50er Jahre bekam er eines Tages den Tipp, dass er an diesem Abend von der Stasi abgeholt würde. Er bekäme die Wahl.
Entweder für die Stasi spitzeln oder ins Gefängnis.
Es war für ihn nicht die Frage.
Seine Freunde würde er nicht verraten. Somit trafen sie zusammen eine Entscheidung für ihr Leben. Er schrieb seiner Frau einen Brief.
Darin stand, dass er mit einer anderen Frau durchgebrannt ist
und sie und die Kinder verlassen hat.
Dann ging er zum Dassower See und stieg ins Wasser.
Er schwamm im Dunkeln, zwischen den patrouillierenden Booten hindurch bis nach Travemünde.
Was für eine Entscheidung. Sie waren bereit, für ihre Seele und die Ehrlichkeit in ihrem Leben alles hinzugeben.
Ich bin wahnsinnig stolz auf meine Familie.

Zu dieser Zeit saß meine Oma, verrückt vor Sorge um ihren Mann und den Heimatverlust vor Augen am Küchentisch.
Die Stasi kam und sie zeigte weinend den Brief. Somit gingen die Männer unverrichteter Dinge wieder und sie packte ein paar Sachen.
Sie nahm ihre Kinder und ein Freund, der ein Taxi besaß, fuhr sie nach Berlin. Ausreise aus der Ostzone war schon nicht mehr möglich, nur wer großes Glück hatte, bekam in einem Flugzeug noch einen Platz in den Westen.
Meine Oma hatte dieses Glück.
Ich glaube, das Leben wollte dieses Paar nicht trennen.
Mein Opa stand am Flughafen, in jedem Flugzeug erhoffte er seine Liebsten. Und so kam es.

Sie waren wieder zusammen ♥

Eine vorübergehende Bleibe war eine Flüchtlingsunterkunft in Wulfsdorf.
Fast zwei Jahre lebten sie beengt mit einer anderen Familie in einem Zimmer.
Meine Oma kam aus einer Kneipenfamilie und als in Krummesse die Kneipe am Kanal zum Verkauf stand, griffen sie zu.

Mein Opa war Maurer, er hat die Sportunterkünfte für die olympischen Spiele 1936 mitgebaut ;-).
Also baute er an das Gebäude kurzerhand einen Tanzsaal an.
Oma kochte und Opa sorgte für einigermaßen glimpflich verlaufende Abende. Meine Mutter erzählte immer mit gruseln in der Stimme, „Alles ging gut, bis die Melker vom Gutshof runter kamen. Dann gab es immer Schlägereien.“
Meine Oma kochte wunderbar.
Einmal saß ein Mann am Tisch, der sie fragte, „Sag mal Erika, was kostet eigentlich Soße?“ Daraufhin sagte sie, „Soße? Die kostet gar nichts.“
Er meinte glücklich, „Gut, dann möchte ich bitte dreimal Soße“ 😀
Meine Großeltern lebten bis zu ihrem Tod ein sehr bescheidenes Leben. Urlaub gab es nie. Der Alltag war dominiert von Arbeit und sich kümmern.
Ihr Leben war erfüllt von Liebe zueinander und ihrer Familie gegenüber.

Oma

Meine Mutter bekam mich mit 20 Jahren.

Wie ihr euch vorstellen könnt,  ich kam überraschend.
Meine Mutter war noch in ihrer Ausbildung in Hamburg.
Sie wohnte in ihrer kleinen Wohnung in Lübeck.
Sie entschied sich, es ihren Eltern in einem Brief mitzuteilen.

Ein Brief kommt an

Etwa so: Ich bin schwanger, ich bekomme das Kind und ich
heirate ihn nicht. Das finde ich bis heute unglaublich mutig.
1970 so ein Ding durchzuziehen.
In meiner Schulzeit gab es noch Kinder, die durften nicht mit
mir spielen, weil ich unehelich war.
Na ja, so weit, so gut.
Auf jeden Fall kam meine Mutter an diesem Abend des Briefes
mit dem Zug und ihrer Freundin wieder in Lübeck an.
Die Freundin sagte: „Deine Eltern sind auf dem Bahnsteig.“
Sie wollte erst nicht aussteigen, tat es natürlich aber doch.
Man kann ja auch nicht sein Leben in einem Zug verbringen.
Da standen sie also, mit einem Blumenstrauß und sagten,

„Wir schaffen es zusammen!“

Somit zogen wir (ich noch im Bauch) zu meinen Großeltern.
Meine Mutter hat für mich gesorgt, im Nachhinein kann ich nicht
erinnern, dass sie mal nicht da war. Sie war immer bei mir.
Aber tatsächlich hat sie ihr ganzes Leben Vollzeit gearbeitet, um
uns beide zu versorgen. Davor ziehe ich meinen Hut.

Ich als Baby

Meine Mutter sagte mir mal einen Satz, der mich heute noch
beeindruckt (sie hatte viele solcher Sätze auf Lager, aber das ist einer meiner Favoriten).
Sie sagte: „Du kannst mit vielem leben. Mit wenig Geld, Unruhe,
es muss nicht immer leicht sein, aber eines Nicky sag ich dir.
Leb nie ohne Liebe.“ Daran hab ich mich gehalten.
Als ich fünf Jahre alt war, kam ein wunderbarer Mann in unser Leben.
Mein Stiefvater… aber dieser Begriff ist völlig falsch für ihn.
Er wurde mein Anker und Vorbild in unendlich vielen Dingen meines Lebens.
Der pädagogische Ansatz, den er aus seiner Liebe und seinem Vertrauen  zu mir geschaffen hat ist die Grundlage meiner Pädagogik, die ich heute den Eltern in meiner Arbeit vermittel.
Diese findest du in der Kategorie ErziehungsThemen

Bis ich zehn Jahre alt wurde, lebten wir also in unserer separaten Wohnung im Haus meiner Großeltern.
Die Kneipe gab`s zu meiner Zeit schon nicht mehr, ich war also kein Kneipenkind… 😉 .
Aber immer wieder, wenn die Leute mitbekommen, in welche Familie ich gehöre, höre ich schöne Geschichten aus dieser Zeit.
Der halbe Ort hat hier geheiratet und viele, viele bekamen in diesen Räumen ihren allerersten Kuss.
Einmal sagte jemand… „oh, die Kneipe deiner Großeltern. Das war die erste Lottoannahmestelle in ganz Schleswig-Holstein.“ 😀
Den Jackpot geknackt hat hier aber, so glaube ich, niemand.
Auf jeden Fall nicht den von Lotto.  😉

Ich liebte dieses Haus

Den Kastanienbaum in dem Pastorengarten an der Grundstücksgrenze, den Kanal und den Wald.
Die Bäche und Bäume zum Klettern.
Ich habe eine Kindheit erlebt, wie sie besser nicht sein kann.

Mit den Wurzeln der Liebe für die Standfestigkeit und der Freiheit
des Vertrauens für die Entfaltung meiner Persönlichkeit.
Als ich elf war, starb meine Oma. Still und leise, so wie sie gelebt hat. Mein Opa zerbrach fast. Er blieb noch eine Weile aber 1988 ging er wieder zu ihr.
Ein Jahr vor der Grenzöffnung. Ist das nun gut oder ist es schlimm?
Wäre es für ihn schön gewesen noch mal sein Haus zu sehen?
Das Haus, was er für seine Familie gebaut hat und von dem er sich
gar nicht richtig verabschieden durfte? Was enteignet wurde?

Ich kann es nicht sagen, aber was ich weiß ist, dass diese Zeit sein
größtes Lebenstrauma war.
Dazu erzähle ich in der Rubrik Aufstellen irgendwann mal die
Geschichte meines Opas.

Oma und Opa am Tisch
Nun kennt ihr meine Verbindung zu diesem Haus.
Es geht wieder zurück ins Jahr 2011.

Ich kam nach Hause

Ich kam nach Hause

Mit dem Makler traf ich mich in meinem alten Zuhause

Meine Eltern kamen zum Termin mit, meine Mutter hatte in diesem Haus 38 Jahre ihres Lebens verbracht.
Es war in einem unsäglichen Zustand. Es stank, war verschimmelt,
die Wände schwer durchfeuchtet (so stand es im Gutachten…), dreckig…
ein 350 m² großer Alptraum… Es war ohne Worte.

In mir spielte das alles keine Rolle.
Es war nur ein Gefühl von Nachhausekommen.

Schimmelbild 1 Schimmelbild 2 Schimmelbild 3 Schimmelbild 4

Ich ging durch die Räume, mit verklärtem Lächeln und dachte,
alles wird gut.
Der Makler muss gedacht haben, ich hätte was geraucht.  😉
Natürlich wussten weder der Makler noch die damalige Besitzerin,
auf welche Weise ich mit diesem Haus verbunden war.

Gott sei Dank bin ich oft ein sehr naiver Mensch.
Somit hab ich nicht überblickt, was emotional sowie finanziell da auf mich zukam.
Hätte ich eine Ahnung gehabt, ich denke, dass mir der Mut gefehlt hätte.
Nach kurzem Verhandeln mit der Bank, das Haus stand haarscharf vor der Zwangsversteigerung und kein Mensch, der noch alle Kerzen auf der Torte hat, hätte dieses Haus gekauft, einigten wir uns auf einen Preis.

Nun musste eine Bank her.

Eine Bank, die bereit war, einer selbstständigen Frau, alleinerziehenden Mutter, die kein Eigenkapital hatte, aber dafür sehr überzeugt von ihrer Idee des Seminarhauses war, einen Kredit zu geben, der nicht unwesentlich höher war als der Wert des Hauses.

Meine Bank, bei der ich ein Konto hatte, seit ich als Jugendliche in meine Ausbildung ging, war nicht mal bereit, mir ein persönliches Gespräch zu geben. Internetbanken fielen aus, das Haus war zu alt.
Mein wunderbarer Finanz- und Versicherungsmakler David Pakula von der A.S.I Wirtschaftsberatung in Lübeck, ich danke dir für deine Unterstützung in all diesen Jahren, wurde bei verschiedenen Banken vorstellig.
Es gestaltete sich nicht einfach.

Meine Freundin Alexi ♥, die, bevor sie sich auf das Großziehen ihrer wunderbaren Kinder konzentrierte, eine selbständige Werbefrau war, erzählte mir, das die Volksbank Lübeck das sei,  was im Namen steht, eine Bank für das Volk.

Somit rief ich dort an. Ich telefonierte mit der wunderbaren Frau A., die sagte, sie wolle im Vorwege kein Konzept über das geplante Seminarhaus geschickt  bekommen.
Ich bräuchte es erst zum Termin mitbringen.
Das war ja schon mal unglaublich. Ich hatte ein persönliches Gespräch.
Sie sagte, „Ich brauche im Vorwege nichts Schriftliches. Ich möchte Sie sehen und gucken ob Sie es schaffen können.“

Ich liebte diese Frau jetzt schon

Dass es in dieser (Geschäfts)Welt noch Menschen gab, in denen der Mensch mit seinem Vorhaben die Priorität ist, Waaaahnsinn….

Natürlich waren meine Umsätze okay, aber trotzdem hatte ich meine Praxis noch nicht lange.
Sie sagte in diesem ersten Gespräch im Januar 2011, „ja Frau Klütz,
das sieht gut aus. Das muss natürlich noch hier im Haus abgesegnet werden, aber das hier sieht schon mal gut aus.“
Ich erwiderte, dass es hier für mich um meine Zukunft ginge und was passieren könnte, das es nichts wird und sie sagte, „Wenn ein geheimes Atomendlager in meinem Garten gefunden würde.“ (Später wurde so etwas Ähnliches tatsächlich noch gefunden, aber dazu komme ich noch).
Ob ihr es glaubt oder nicht, in diesem Moment brach die Sonne durch die Wolken und der ganze Tisch lag im Sonnenlicht.
In diesem Moment wurde es tatsächlich denkbar, dass unser Leben dort weiter gehen könnte, wo ich ursprünglich meine Wurzeln hatte.

Meine Eltern schlugen mir vor, die Wohnung im Obergeschoss zu beziehen, sodass aus unserem neuen Zuhause im Handumdrehen ein Dreigenerationenhaus wurde. Wie wunderbar.

Die Zusage über den Kredit kam Anfang März und die Übergabe fand dann am 01.05.2011 statt.
Weil die Zeit bis dahin furchtbar lang war, füllte ich sie mit sehr naiven Mädchenplänen.
Ich errechnete für die zwei Küchen, Laminat, Tapeten, Farben, Gardinen und Lampen bräuchte ich ca. 20.000 Euro.
Während ich das hier schreibe, schäme ich mich tatsächlich ein bisschen. 😀

Wie die ganze Arbeit geschafft werden sollte, wusste ich auch noch nicht…

…. aaaaber ich war mit Feuereifer dabei.
Wunderbare Männer im Freundeskreis sagten ihre Unterstützung zu und ich brannte aufs Anfangen.
Am 01.05.2011 übernahmen wir um 10 Uhr das Haus. Wir alle weinten ein bisschen. Ich vor Glück und die Mädchen vor Entsetzen.
Dieses habe ich in meinem Zustand aber nicht realisiert und dachte glücklich, oh wie schön sie es finden. 😀
Den ganzen Tag verbrachte ich damit, liebevolle Menschen durch das Haus zu führen.
Alle waren sehr taktvoll, wie sich später herausstellte war das Grundgefühl der Meisten: „Ach du Scheiße…“

Am nächsten Tag ging es los.
Die Tapeten (Latexfarbe auf Latextapete… Doppelt hält besser) abreißen, Wände einreißen und wieder aufbauen, Elektrikschlitze in Wände stemmen, 10 km Kabel ziehen usw.
Meine Freundinnen Snjezie und Alexi schrieben eine Bewerbung für „Zuhause im Glück“ aber mein Schicksal reichte wohl nicht aus… 😉

Elektrik DanielSchimmelbild 5Schimmelbild 6

Was dann passierte, wurde das Abenteuer meines Lebens.
Über vier Monate kamen insgesamt 56 Leute aus meinem Freundes- und Arbeitskreis und standen in Arbeitssachen auf der Baustelle.
Sie sagten Dinge wie: “Nicky, ich hab gehört, du brauchst Hilfe?“
Es wurde viel gelacht, von mir unheimlich viel geweint, ganz nach dem Motto, Gefühle müssen raus, sonst wird man krank.
Gott sei Dank waren genug Arme da, die mich gehalten und getröstet haben.
Der Bau eskalierte total. Immer neue Baustellen taten sich auf, aber niemand gab auf.
Ich erlebte die hilfloseste Zeit meines Lebens. Ich musste zweimal nach finanzieren.
Alle hielten mit mir durch. Meine Helfer, meine Familie, meine Bank.

Ich fühlte mich gehalten im freien Fall.

Tatsächlich kann ich auch nach all den Jahren und all den Katastrophen die dann in den nächsten Jahren noch kamen und von denen ich euch noch erzählen werde, sagen, dass es nicht mal einen kurzen Moment gab, an denen ich es bereut habe, dieses Haus zu kaufen.

Es ist meine schwerste Prüfung und mein größtes Glück.
Mehr zuhause geht für mich nicht.
An jedem Tag, wenn ich durch diese Räume hier gehe, denke ich, was für ein Glück ich habe, dass ich hier sein darf.
Nach vier Wochen zog ich auf die Baustelle.
Ein Arbeitsraum war fertig sodass die HalteStelle im neuen Zuhause sesshaft wurde und ich meine Arbeit machen konnte.
Ich musste ja auch Geld verdienen.

Eines Tages kam ich aus der Dusche und kletterte über die Schuttberge des Wohnzimmers als plötzlich mitten in diesem Zimmer ein älterer Mann vor mir stand.
Wir sahen uns an, er lächelte breit und sagte: „Hallo mein Lütten. Willkommen zu Hause.“
Ich erkannte einen sehr guten Freund meines Opas.
Mindestens 30 Jahre hatte ich ihn nicht mehr gesehen aber ich erkannte ihn sofort. Ich stürzte in Herrn Wobigs Arme.
So wie ich sagte, mehr zuhause geht nicht.

Das Haus bekommt ein neues Kleid und der Garten wird gemacht

Ich bemerkte, wie tief meine Atmung wurde und wie die Anspannung der letzten Jahre entlastete.
Ich kam an.  Im Haus, in meinem neuen Leben, bei mir.
Veränderung ist immer schmerzhaft, aber es lohnt sich.
Das einzig Verlässliche ist der Wandel, wie wahr.

Wo wir bei guten Sätzen sind, es gibt einen Satz, den ich beim Einkaufen auf einer Postkarte in so einem Postkartenständer gelesen habe.
Gekauft habe ich diese Karte damals nicht aber der Satz hat mich durch die Trennung gebracht.
Auf der Karte stand: „Wer los lässt, hat zwei Hände frei“
Was für ein Satz. ♥ Er begleitet mich seit dieser Zeit und erinnert mich, meine Lebensenergie in die richtigen Dinge zu stecken.

2012

Im zweiten Jahr machten wir uns an den Garten.
Wieder so ein Gemeinsamding. Großartig.
Es wurden Hecken und Büsche weggenommen, Terrassen entfernt,
Erde aufgefüllt usw. usw. …

Fachliche Hilfe bekamen wir von einem Garten- und Landschaftsfachmann.
Er ist verheiratet mit einer wunderbaren Frau, die beim Aufstellen schon lange Zeit dabei ist. Die Geschichte ist zu schön um sie euch
vorzuenthalten… 😉 (bald in der Rubrik Aufstellen)

Die zweite Aktion des Jahres war das Streichen des Hauses.

Grünes Haus vorneUngestrichenes Haus Seite

Dabei machte ich unter Anderem die Erfahrung, dass Außenfarbe ungefähr das vierfache Gewicht hat wie Innenfarbe.
Wir rüsteten das Haus ein, sodass ich in Ruhe das Haus dampfstrahlen, grundieren und zweimal streichen konnte.

Geld, es machen zu lassen, hatte ich natürlich nicht, also selbst ist die Frau. Das Problem dieser ganzen Geschichte war allerdings meine ziemlich intensive Höhenangst, die ich seit meinen Schwangerschaften mein eigen nennen durfte…
Also krakselte ich mit einem Kaffee und einem Eis durchs Fenster im ersten Stock auf das Gerüst. Dort blieb ich zwei Stunden hocken, erst festgeklammert und dann mit schaukelnden Beinen mit Blick auf den Kanal.

Haus streichen Seite                 Haus streichen Marleen, Kati, ich

 

 

 

 

 

Somit: Lasst euch nicht durch eure Ängste ins Bockshorn jagen.
Immer Schritt für Schritt. Nicht überfordern aber raus aus der Komfortzone.
Tatsächlich bekam mein Haus eine neue Farbe und ich verlor meine Höhenangst.
Zeitweilig bekam ich Freundinnenhilfe, noch heute lache ich über die auch höhenängstliche Snjezie, die zum Haus malen auf dem Gerüst mit Flipflops kam!

Manchmal war die Arbeit so ein großer Berg

Ich dachte, es wird nie fertig. Ich kann das nicht schaffen.
Aber das stimmt nicht. Wir gehen immer ein Schritt nach dem Anderen.
Die Überforderung kommt, wenn man zurücktritt und sich den ganzen Berg und das dahinter liegende Gebirge ansieht.
Dann kommt zuerst der Mutverlust und dann kommt die Erstarrung.
In dieser Zeit hab ich mir angewöhnt, immer nur auf die kommenden Schritte zu schauen. Sich zu freuen, was schon geschafft ist.
Und plötzlich….ist es wirklich geschafft. ♥
Lustigerweise bekam ich in dieser Zeit im Dorf oft zu hören, „Na, jetzt passiert ja ordentlich was bei dir…“
So ist es eben oft. Dinge werden von außen angeschaut und das prägt das Erscheinungsbild.
Die ganze innere Arbeit ist oft nicht so auf den ersten Blick zu sehen.
Die innere Arbeit ist aber bei Weitem das Wichtigste. 🙂

Haus gestrichen, Zuhause

Eindeutig zu viel Wasser

Wir kommen ins Jahr 2013

Es wurde ein sehr anstrengendes Jahr.
Das Haus war immer schon nass. Es liegt unten am Berg. Auf der anderen Seite ist der Kanal. Auf den zwei Grundstücken davor und dahinter befinden sich zwei unterirdische Quellen.
Wir sind also eingekreist von Wasser.

Eine Freundin erzählte mir letztens, schon zwei Brunnenbauer haben auf ihrem Grundstück aufgegeben, da das Wasser zu tief liegt.
Bei mir muss man nur einen Wasserhahn in die Erde stecken. 😉

Drainagebild vorneDrainagebild rechte Hausseite

Durch das Zukleistern aller Wände mit Latex ist das Haus total abgesoffen. Somit hat mein Bauheld Bernd gesagt, „Nicky, wir brauchen eine Drainage.
Wir fangen mit der Bergseite an. Das ist die wichtigste Seite. Die Anderen machen wir später. Das ist auch zeitlich und finanziell zu überblicken.“
Gesagt, getan. Minibagger gemietet, an die Schaufeln, los.
Ich in die Grube, Schwarzschicht und Plane an die Wand.

Drainagebild Daniel

Es war unglaublich, wie viel Wasser da war…

Wir kamen zu der Erkenntnis, es reicht nicht. Wir müssen die anderen Seiten auch machen, es ist einfach zu viel Wasser. Somit, finanzielle und damit emotionale Eskalation meinerseits…. man man man, wie anstrengend.
Außerdem war mein schöner Garten wieder kaputt.

Drainage alles kaputt 3

Einer meiner Baujungs im Minibagger erwischte dann meine Hauptwasserleitung.
Der Garten bekam einen Swimmingpool.
Panik brach aus, alle rannten durcheinander. Wir suchten auf dem Seitenweg den Gemeindeanschluss. Alles da war verrostet.

Ich dachte, er reißt den Stöpsel aus der Erde, so zerrte er am verrosteten Wasserrad. Endlich bewegte sich das blöde Ding.
In der Ferne hörten wir schon die Sirene der nahenden Feuerwehr…
Als der Anschluss zugedreht war, rannten alle los um zu sehen, ob das Rohr verschlossen war.
Er schmiss das Werkzeug hin, kam zu mir, die wieder mal heulend in der Gegend rum stand, umarmte mich und sagte: „Wir sind immer bei dir.“ Gehalten im freien Fall.
Dann rannte er den Anderen hinterher. Ein sehr guter Freund  blieb bei mir stehen, guckte mich an und sagte, „Wenn es mir so geht wie dir gerade, will ich immer allein sein. Ist das bei dir auch so?“
Neeeeeeiiiiin…. Natürlich nicht. 😀
Somit hatte er mich im Arm, bis es wieder ging.

2013 war noch nicht zu Ende

Wir saßen beim offenen Aufstellungsabend gemütlich im großen Raum und ich erzählte über die Methode, als ich plötzlich die Aufmerksamkeit der Gruppe verlor. Alle guckten aus dem Fenster.
Ich dann natürlich auch. Mein Garten und der Seitenweg waren voller Polizei und Feuerwehr. Ich dachte, in manchen Zeiten ist Verdrängung das erste Mittel der Wahl. 😉 Auf jeden Fall erst einmal…

Ich zog die Gardinen zu und sagte, das ist nichts, was uns kümmern muss. Hoffentlich, dachte ich… und wir hatten einen tollen Aufstellungsabend.
Nach Feierabend ging ich zu meinen Eltern nach oben, um zu fragen,
was da draußen los ist.
Meine Mutter war in Tränen aufgelöst und sagte, „Der ganze Kanal
schwimmt voller Öl und die sagen, es ist unser Öl.“ Puuuuuuhhhh.

Erst Wasser dann Öl

Ich dankte schon mal vorweg in Gedanken meinem, schon erwähnten Versicherungsmakler David Pakula, der mir riet, nicht die billigste, sondern die beste Versicherung zu nehmen.
Es wurde eine Druckprüfung der Ölleitung gemacht, die von der Garage zum Haus geht, aber die Leitung war in Ordnung. Dann stellte sich heraus, dass der Boden unter der Garage voller Öl war.
In dem Winter brach dann ein Abflussrohr unter der Garage und das ölige Grundwasser wurde in den Kanal geschwemmt.
Wie und wann auch immer dieses Öl dahin gekommen ist, ich habe keine Ahnung.
Wer überprüft den Boden unter einer Garage. Meine Güte!
Meine Schwester wollte Banner drucken lassen für die Brücke mit der Aufschrift: Nicky tötet Babywale!
Ein Hoch auf Familienzusammenhalt in schwierigen Situatione! 😀

Über ein halbes Jahr war ich im Ungewissen, ob meine Versicherung es bezahlt, denn die Versicherung ist für einen Schaden zuständig, den ich mache und nicht für Einen, den ich kaufe. Wieder Angst, ich schaffe es nicht, verliere ich das Haus? Aber alles ging dann letztendlich gut.
Aber das Amt legte mir die Öltanks still. Somit investierte ich in eine neue Heizung und stellte von Öl- auf Gas um. Wieder so wahnsinnig hohe Ausgaben.
Mir passieren dann immer so verrückte Dinge, da denke ich immer, das fühlt sich an wie geführt.
Die Hälfte des Geldes für die Heizung bekam ich irgendwie noch aufgebracht. Bei der anderen Hälfte, 7500,- hatte ich keine Idee.
Ich sorgte mich sehr.

2013 brauchte ich einen Banküberfall

Manchmal ist Ordnung toll  😉

Meine Mädchen verlassen um sieben Uhr das Haus um zur Schule zu fahren. Ich saß also dann beim Frühstück und überlegte, was ich tun könnte um die Heizung bezahlen zu können.

Dann entschied ich, um mich nicht weiter verrückt zu machen, mich abzulenken.
Also fing ich an, meine Schublade aufzuräumen in der ich die ganzen homöopatischen Mittel habe. Ich beschriftete alles und war sehr stolz über mein Werk so früh am Morgen.
Motiviert dachte ich nach, was ich noch sortieren könnte.
Solche Motivationen muss ich nutzen, sie kommen bei mir seeehr selten vor… 😉

Also holte ich meinen Versicherungsordner aus dem Regal und fing an, die lose rumfliegenden Rechnungen zu sortieren und ein zu heften.
Da fiel mir eine alte Versicherung ins Auge. Ich dachte, ach die ist ja mal durch einen anderen Vertrag abgelöst worden, die kann ich bestimmt entsorgen.
Um ganz sicher zu sein und es war inzwischen auch acht Uhr, rief ich bei der Versicherung an. Ich fragte den sehr netten Mann am Telefon, ob ich die Unterlagen wegschmeißen kann und er lachte und sagte,
neee, Frau Klütz. Das lassen Sie mal, die Versicherung ist aktiv.
Wie aktiv?
Er sagte, die bezahlen Sie regelmäßig.
Wie hoch ist der Rückkaufswert? …und da sagt der Retter meines Heizungsproblems: 7.500,-.

Das ist doch unglaublich, oder? Ich Chaoselse.
Noch niemals in meinem Leben und bestimmt auch niemals wieder werde ich um halb acht Uhr morgens beim ersten Kaffee des Tages meinen Versicherungsordner aufräumen. Das ist wie geführt.

Vertraut dem Großen und Ganzen.
Seid mutig.
Wege ergeben sich beim Gehen.

Ich habe zu diesen ganzen Geschichten des Hauses ja eine Theorie.
Das Haupthaus ist um 1900 gebaut. Unendlich viel wurde daran herum gebaut. Hier was dazu, dort was weg.
In diesem Haus war nie jemand, der sich wirklich ums Haus
gekümmert hat. Nun bin ich hier.
Ich mache es jetzt schön. ♥

Es kommt mir manchmal so vor, als wenn das Haus denkt,
oh, sie investiert in mich, schnell, schnell, alles mitnehmen bevor sie nicht mehr kann. 😉
Somit habe ich dann 2013 dem Haus gesagt, dass ich verstehe,
dass es mit mir zum Niedrigenergiehaus mutieren will.
Ich bleibe auch aber in dem Tempo geht es nicht.
Ich kann nicht mehr… Haus, mach eine Pause.
Das Haus und ich sind verbunden.
Ich merke das in einer intensiven Sicherheit. Trotz der ganzen Eskalationen.
Somit hörte das Haus auf mich 😉 es machte Pause, drei Jahre lang.
Dann holte es tief Luft und sagte, nun geht es weiter und zwar richtig!

2016 Die Katastrophe nimmt ihren Lauf

2016

Wir genossen die Jahre von dem überstandenen Jahr 2013 bis zum Spätsommer 2016 in unserem Zuhause.
Es kehrte Ruhe ein, das Haus war schön geworden. Wir kamen in ein ruhigeres Fahrwasser… dachten wir…
Eines schönen Tages saß ich im Wohnzimmer auf der Couch und hörte ein Rauschen in den Heizungsrohren. Die hatten wir 2011 an der Stelle neu verlegt, mir war aber in all den Jahren noch nie aufgefallen, dass sie Geräusche machten. Ein paar Tage später fragte ich meinen Gas-Wasser-Heizungsmann danach.
Er sagte den alles verändernden Satz:

„Nicky, deine Heizungsrohre rauschen nicht. Wenn es da rauscht, hast du einen Rohrbruch.“

Nein…bitte nicht. Das kann nicht sein. Ich fragte, wie bekomme ich das raus?
Er sagte: „Du machst im Haus alle Verbraucher aus, gehst zur Wasseruhr und fotografierst sie. Nach fünf Minuten wieder. Falls sich das Rädchen ein Stückchen weiter bewegt haben sollte, rechnest du es auf 24 Stunden hoch und weißt, wie viel Wasser verloren geht.“

Ok. Ich also nach Hause, alle Verbraucher im Haus aus und los.
Ich starrte auf die Wasseruhr. Das Rädchen drehte sich schnell….seeeehr schnell…
Nein, bitte nicht. In 5 Minuten verlor ich gut 24 Liter Wasser. Mein Handyrechner teilte mir mit, dass das am Tag ca. 7000 Liter Wasser waren.

Tja, was soll ich sagen?

Ich nehme es mal vorweg. Es lief schon eine Weile.
Die Wasserrechnung später ergab, dass 386.000 Liter unter mein Haus geflossen waren.

Ein Leckorter kam. Im, an das Wohnzimmer angrenzenden Wirtschaftsraum, wurde das Leck geortet. Wand auf, Leck zugemacht, alles chiko. Die abschließende Druckprüfung ergab, es gehen täglich immer noch 20 Liter verloren. 🙁
Also weiter suchen. Das nächste Leck wurde in meinem Schlafzimmer gefunden. So ging es weiter. Die nächste Druckprüfung ergab, es gehen immer noch 12 Liter weg. In der Küchenwand war das nächste, aber immer noch nicht das letzte Leck.

Der letzte Rohrbruch wurde dann unter meiner Dusche geortet. Inzwischen gab es schon ziemlich viele unansehnliche Löcher in den Wänden. In meinem Bad wurde die Duschwanne herausgenommen und der Leckorter erstarrte.
Er sagte: „Oh Mist, jetzt haben wir ein Problem.
Jetzt brauchen wir einen Gutachter. Hier unter der Dusche ist eine organische, klitschnasse Schicht, die nicht getrocknet werden kann. Hier im Bad muss auf jeden Fall der Boden raus.
Ansonsten schimmelt der Raum vor sich hin.“

Er sah mich an, als wenn ich gleich in den Suizid gehen würde und sagte mir mit Trauermine: “ Falls diese Schicht nicht nur im Bad, sondern überall verlegt wurde und sie überall nass ist, muss im ganzen Haus der Boden raus.“

Je mehr Rohrbrüche entdeckt wurden, je mehr stieg mein Paniklevel

Es wurde mir klar, dass die Installation eskalierte.
Wo vier Rohrbrüche waren, würden die Nächsten auch kommen. Ich hatte das Bild, dass ich den Rest meines Lebens einmal im Monat die Wasseruhr fotografierte, um zu überprüfen, ob wieder etwas passiert war.

Da mein Versicherungsordner nun aufgeräumt war und ich definitiv keine Idee mehr hatte, wie ich das Geld für eine hässliche Aufputzinstallation aufbringen sollte, war ich ratlos.

Als der Leckorter nun diesen Satz sagte, dachte ich tatsächlich nicht an Suizid, sondern, „oh bitte, bitte, lass diese Schicht überall sein.“ Wenn das so wäre, würde die Versicherung den Schaden beheben müssen. Der Boden würde aufgemacht und eine neue Installation käme in den, ja sowieso schon offenen, Boden.

Überall wurden Probebohrungen gemacht

Mein Haus wurde durchlöchert und festgestellt wurde:
Diese Pappschicht war überall vorhanden und hatte sich auf 230 m² total vollgesogen.

Wasserschaden Schicht
Somit stand es fest. Das Haus wurde in den Rohbauzustand zurückversetzt. Alles, was ich in den Jahren aufgebaut hatte, zerbrach.
Der Gutachter informierte den Großschadenregulierer der Versicherung. (Ich wusste gar nicht, das es so etwas gibt)

Eine Sanierungsfirma wurde gesucht und ich hatte bisher ja nur Glück gehabt mit meinen Handwerkererfahrungen.
Somit war ich, in Bezug darauf, frohen Mutes.
Das sollte sich mit dieser Geschichte ändern.
Aus rechtlichen Gründen werde ich diesen äußerst dramatischen, auch immer noch nicht abgeschlossenen Teil der Geschichte weglassen. Schade, muss ich sagen. Denn das wäre glatt eine Verfilmung wert.
Menschen sollten immer mal selbst reflektierend betrachten, ob sie für den Job, in dem sie arbeiten, die passende Eignung haben.

Ein Plan muss her

Wir beratschlagten gemeinsam, wie wir vorgehen wollten.
Die Wohnung oben sollte bewohnbar bleiben, so war die Aussage des Sanierers. Meine Eltern sagten mir den Asylantrag unseres Hundes zu. Ich suchte für die Mädchen und mich eine Ferienwohnung. In einem übrig gebliebenen Zimmer wollte ich mich arbeitsmäßig einrichten.
Alles war gut geplant und auf den Weg gebracht… dachte ich.
In vier Wochen sollte es losgehen.

Zerfall

In der Hoffnung auf eine richtende Instanz

Manchmal ändert man seine Meinung. Entscheidungen, die getroffen wurden, machen manchmal ein Gefühl von Überforderung.
Somit entschieden meine Eltern drei Wochen vor unserem Umzug, dass Maya doch nicht bei ihnen wohnen konnte. In die Ferienwohnung durften keine Tiere.
Somit brauchten wir eine neue Wohnung, in der wir alle zusammen sein konnten. Außerdem musste ich dann in der Wohnung auch arbeiten können, weil unser Hund so schreckliche Angst hat, wenn man ihn alleine lässt.
Diese Wohnung musste also groß genug sein für uns drei Mädchen und einen Hund, einen Balkon haben für die Kaninchen, ich musste dort arbeiten können, sie durfte nicht allzu weit weg sein, damit meine Praxis weiterhin für alle erreichbar war, die Kinder mussten zur Schule kommen können und sie musste für eine Kurzzeitvermietung zur Verfügung stehen.
Einzugsdatum in drei Wochen. Naklar. Gaaar kein Problem. 😉

Ich setzte mich ans Telefon und eine Stunde später war es erledigt.
In Lübeck an der Untertrave fand ich ein super schönes Altstadthaus, was für uns wie gemacht war.
Ich telefonierte mit der Wohnungsverwalterin in Hamburg und erklärte ihr unsere Notlage.
Sie sagte uns die Wohnung zu. Ich könnte das Thema loslassen.
Sie würde mir sofort den Mietvertrag zur Ansicht zuschicken.
Eine Woche vor dem Umzug sollte ich noch mal anrufen, um die Übergabe am Tag vor dem Umzug abzusprechen. Dort machen wir dann auch alles schriftliche, es ist ja sowieso alles so kurzfristig und ich soll mich jetzt auf das Kartons packen konzentrieren.
Suuuuper. Wir waren alle sehr aufgeregt und freuten uns auf die Zeit in der große, weiten Welt, der Innenstadt von Lübeck. 😉
Wie besprochen meldete ich mich telefonisch eine Woche vor dem Umzug.
Wir packten schon fleißig Umzugskartons. Die Hälfte, also ca. 100 hatten wir schon geschafft. Alles stand voll.

Gott sei Dank vertraue ich auf Karma

Die Verwalterin sagte mir am Telefon: „Tja, Frau Klütz. Ich habe es mir noch mal überlegt, ich habe die Wohnung nun doch in die Langzeitvermietung gegeben.“
Manchmal bekommt man sehr deutlich mit, wenn in einem Trauma ankert. Ich hatte das Gefühl, ich breche in der Mitte in zwei Hälften auseinander.
Wie kann man mit Menschen so umgehen? Ich hatte ihr von der Situation, in der wir uns befanden, erzählt. Somit begann ich, sie intensiv anzuschreien.
Meine Freundin Geli war gerade bei mir. Sie stellte sich hinter meinen Stuhl, sammelte meine beiden Hälften ein und hielt sie in der Mitte zusammen. Was es für großartige Leute gibt. ♥
Nach dem Auflegen sagte sie, dass es nicht möglich wäre, in so kurzer Zeit eine neue Wohnung zu finden. Ich müsste es verschieben. Ich sah die Umzugskartons an und merkte, dass es klappen muss. Es muss einfach…

Alles, was in und um Lübeck mit Wohnraum zu tun hatte, wurde von mir an diesem Vormittag angerufen….ALLES

Es sah nicht gut aus. Für in einer Woche gar nicht aber auch in absehbarer Zeit gab es von nirgendwo eine Idee. Ich sah uns schon im Garten zelten.
Am Nachmittag telefonierte ich mit einer Wohnungsverwaltung in Lübeck. Ich heulte durchgängig, denn Gefühle müssen raus, sonst wird man krank.
Eine wunderbare Frau sagte mir am Telefon, sie hätte eine Idee.
Es wäre eine Wohnung frei, die das, was wir brauchen, hergibt.
Heute Abend würde es eine öffentliche Besichtigung geben.
Da kommen alle Interessenten. Ich könnte sie mir ja mal ansehen.

„Wenn mehrere Interessenten kommen würden, hätte ich als Kurzzeitmieter keine Chance“, sagte ich ihr.
„Wie werden sehen“, kam die Erwiderung.
Zwei Stunden später rief mich ihr Chef an.
Er sagte: “ Hallo Frau Klütz, ich hab gehört, Sie haben heute keinen so schönen Tag?“ Daraufhin heulte ich schon wieder.
„Was ist denn da bloß los, mit Ihrem Haus? Das ist doch das gelbe Haus an der Brücke, oder? War da nicht vor kurzem irgendwas mit dem Heizöl?“ :-0
Es stellte sich heraus, dass er aus Krummesse kam. Dann fragte er: „Das war doch ganz früher mal eine Kneipe? Sind Sie eine geborene Louven?“ Als ich bestätigte, sagte er: „Ok, kommen Sie mal heute Abend. Egal, wie viele andere Leute noch kommen, wenn Sie die Wohnung wollen, sage ich sie Ihnen hiermit zu.“
Oma und Opa haben es wieder mal gerichtet. Meine Güte..

Somit packten wir, neben der Arbeit, die ja weiter lief, die restlichen 100 Umzugskartons und zogen sieben Tage später in unser Übergangszuhause.
Der Rückbau des Hauses begann.

Alles, was ich bis dahin aufgebaut hatte, zerbrach…

Als der Wasserschaden passierte und der Kostenvoranschlag des Gutachters vorlag, war mein Plan, natürlich mit Absprache meines Bauhelden von 2011, dass wir nach diesem Kostenvoranschlag abrechnen und es selber in die Hand nehmen. Dann wüsste ich ja, es wird alles super gemacht.

Wir beide waren guter Dinge. Darauf hätte ich mich verlassen sollen. Auf mein Gefühl. Das weiß, wie es läuft. Sonst wäre ich gar nicht bis hierher gekommen.
Ich weiß nicht warum ich mich hab bange machen lassen.
Von verschiedenen Menschen, die sowieso viel Angst hatten. Ich habe mich in die Angst ziehen lassen und mir eine Sanierungsfirma gesucht, die auf Wasserschäden „spezialisiert“ waren.
Es wurde ein Alptraum.
Absprachen wurden nicht eingehalten, Gesprächen musste ich hinterherlaufen. Ich wurde nicht informiert, es ging nicht vorwärts. Baufortschritte mussten wieder zurückgebaut werden, weil sie entgegen der Absprachen waren.
Es zog und zog sich.

In guten wie in schlechten Zeiten

Die wichtigsten Menschen meines und des Lebens der Kinder brachen, für uns völlig aus dem Nichts, den Kontakt in dieser schweren Zeit ab. Unser Leben war uns und wohl auch Anderen zu anstrengend.

Wir fielen alle. Aber wir drei hielten zusammen durch.
Was sollten wir auch sonst tun?

„Was uns nicht tötet, macht uns nur noch stärker“

Das Sprichwort stimmt nicht immer. Manchmal ist es zu doll.
Da macht es nicht stärker, sondern lässt einen schwerst verwundet zurück.
Ich kann sagen, dass diese Hausepisode, gekoppelt mit diesem emotionalen Fall, die schwerste Zeit meines Lebens war.
Ich nahm 25 kg zu. Mein Gefühl war: Schokolade und Alkohol oder Psychiatrie. Also nahm ich Schokolade und Alkohol.
Ich musste ja auch weiter funktionieren. Ich bin selbstständig und wenn ich nicht arbeitete, brauchten wir in das Haus nicht mehr zurückzukommen. Dann hätte ich alles verloren.
Also hab ich durchgezogen. Ich habe nicht einen Tag Ausfall gehabt.
Meine Arbeit ist meine Berufung. Ich liebe meinen Job. Er gibt mir im Leben Stabilität.

Nach acht Monaten zogen wir zurück.

Eine Woche vorher sah es noch wie auf einem Rohbau aus, aber die Firma sagte: Packen Sie die Umzugskartons, es läuft alles nach Plan.
Am Umzugstag kamen wir mit den Umzugsleuten ins Haus und trafen die Klempnerfirma beim Anbauen der Heizungen an.
Ihnen fiel das Werkzeug aus der Hand und sie fragten, was wir hier wollten? Einziehen könnte hier noch niemand. Es gäbe kein Wasser und es wäre auch noch kein Bad fertig. Die Bäder waren noch nicht mal angefangen.
Wir zogen in den Rohbau. Wo sollten wir auch hin. Das erste Bad war drei Wochen nach dem Einzug fertig…. eine Katastrophe.
Ich fing nach einer Woche wieder an zu arbeiten. Meine Klienten sind so wunderbar. Ich sagte ihnen, hier gibt es Therapie, aber leider kein Klo. Also gingen sie zu Hause aufs Klo.
Von August bis Februar dauerte es noch, bis die Firma das letzte Mal dieses Haus betrat.
Es war nur grauenhaft und ich war in diesem Kampf sehr allein.
Es hat mich wahnsinnig viel Kraft gekostet.

In den Wochen vor dem Rückzug hatte ich mein Gefühl für das Haus verloren. Ich hatte mich verloren.
Ich wusste nicht mehr, ob ich noch dahin gehörte. Vielleicht, so dachte ich, gebe ich jetzt auf. Wenn es fertig ist, wird das Haus verkauft und wir Drei fangen irgendwo neu an.
Ich nahm mir vor, mich mit einer Flasche Wein auf den Steg am Kanal zu setzen und von weitem das Haus anzugucken.
In mich zu fühlen, was übrig geblieben ist nach all diesen Jahren der Arbeit, der Angst und der Anstrengung.
Was von mir übrig geblieben ist und von meinem Gefühl für dieses Haus.

Eine Woche vor dem Rückzug kam die Sehnsucht.

Ich merkte, ich brauche nicht auf diesem Steg zu sitzen. Wir drei wollten nur nach Hause. ♥
Ich habe eine wunderbare Frau in meinem Seminarhaus, die hier ihre energetische Arbeit anbietet. Unsere Barbara. Sie ist eine Seherin, wie mir noch keine vorher begegnet ist.
Als endlich alles zur Ruhe kam, sprach ich mit ihr über folgendes Thema.

Immer wenn ich mich auf etwas einlasse, mache ich es mit vollem Herzen. Das betrifft Partnerschaft, familiäre Beziehungen, Freundschaften, Projekte. Ich verschreibe mich immer mit meinem bestmöglichen Einsatz.
Oft wird dann über meine Grenze getrampelt und ich bemerke es kaum oder nehme es entschuldigend in Kauf.
Oft bemerke ich erst im Nachhinein, wie doll es eigentlich war.
Ich hatte Sorge, dass es mit dem Haus auch so sein könnte.
Das ich die nächsten 20 Jahre in ein aussichtsloses Projekt stecke und am Ende, außer schweren Erfahrungen, so recht nichts übrig bleibt.

Barbara sagte zu mir, dass ich immer im „Wir“ gedacht habe.
Ich hatte das Haus gekauft für mich und meine Kinder, dem Dreigenerationenhaus und meiner Arbeit.
Ich hatte es für das „Wir“ gekauft.
Nun ist das „wir“ zu Ende.
Dreigeneration ist vorbei, die Kinder sind großartig und nicht aufzuhalten in ihrer Kraft, wunderbare Erwachsene zu werden, meine Arbeit könnte ich überall machen.

Nun bin ich übrig.

Sie sagte, geh allein durch die Räume. Fühl, ob DU nun zu diesem Haus „Ja“ sagst. Nur für dich.
Dann kommt das Haus zur Ruhe. Genau wie du. ♥

Das hab ich getan. Und weißt du, was ich gefühlt habe? Ich fühlte mit absoluter Klarheit einen Satz:

MEHR ZUHAUSE GEHT NICHT

6 Antworten auf „Die HausGeschichte“

  1. Die Sanierung vom Haus war eine anstrengende, aber auch großartige Zeit – selten hab ich beim Arbeiten so viel gelacht! Spaß und Zusammenhalt standen immer im Vordergrund, egal wie groß die Katastrophen auch waren. Danke für diese intensive Zeit, ich denke immer noch gerne daran, wenn wir zusammen im Wintergarten sitzen 😊

  2. Wow was für eine tolle filmreife Geschichte . Sehr toll geschrieben mit ganz viel Herz..
    Ich danke dir fürs Teilhaben💕 .
    Großartige Familie, Freunde und Helfer .
    Ich persönlich bin mir sicher, dass wir geführt werden und ALLES im Leben seinen Sinn hat .
    Fühle dich von mir umarmt, liebe Nicky.

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