Früher lebten Kinder das Leben von Erwachsenen mit…

Heute ist es umgekehrt!

Früher lernten Kinder, wie das Leben von Erwachsenen ging, indem sie das Leben der Erwachsenen mit lebten.
Die Erwachsenen erledigten ihr Leben und ihre Dinge, die Kinder sahen zu, machten und liefen mit.
Wenn keine Zeit für sie war und sie alt genug waren, widmeten die Kinder sich ihren eigenen Dingen. Sie spielten miteinander, waren draußen unterwegs. Die großen Kinder übernahmen Verantwortung für die Kleinen. Die Kleinen wurden ausgeschlossen, erlebten Frust und an anderen Tagen das erhebende Gefühl, am heutigen Tag mitgenommen zu werden.
Es kam zu den heikelsten Situationen, ich denke tatsächlich manchmal, dass ich überlebt habe, ist ein Wunder 😉 .

Tatsächlich kann ich berichten, dass wir alle überlebt haben.
Wir kamen alle über gebrochene Eisschollen, fielen aus fünf Metern Höhe vom Baum und Iris brach sich mal an einem großen Stein nachts den Zeh, weil sie beim Werwolf spielen, barfuß dagegen rannte.
Bis heute wissen ihre Eltern davon nichts, sie durfte in der Nacht nicht mit zelten und hatte sich heimlich raus geschlichen. Da ihre wunderbaren Eltern bis heute keinen Computer besitzen, werden sie auch weiterhin nichts davon erfahren… 😉
Bei dem Gedanken daran dreht es Eltern heute den Magen um, aber das sind Erlebnisse, die prägen.
Noch heute grinse ich, in Gedanken daran, in mich hinein.
Um nichts in der Welt würde ich diese Abenteuer eintauschen wollen gegen eine Freizeit in gut geleiteten Turn- und Musikgruppen.

Die Welt hat sich verändert

…irgendwie ist es passiert.
Ich habe mir Mühe gegeben, meine Kinder in Abenteuermöglichkeit, unbeaufsichtigt, zu erziehen.
Dass sie mal was Verbotenes tun und Angst haben, erwischt zu werden. Sie ihr Herz mal im Körper klopfen spüren.
Das ist Leben.
Als wir 2011 nach Krummesse zogen, war Melina 12 und Luna 8.
Ich erzählte von meinen Abenteuern, die in Krummesse viel zu finden sind. In Blickweite unseres Zuhauses haben wir den Friedhof.
Als Kinder sind wir Nachts heimlich über den Friedhof geschlichen. Mein Gott, was hatten wir für Angst. Im Anschluss gingen wir zur Backstube der Bäckerei Brede, wo Herr Brede uns um vier Uhr morgens frische Brötchen aus dem Fenster reichte.
Eines Tages fragte mich Melina, „Du Mama, wenn heute meine Freundin hier schläft, können wir dann auf den Friedhof gehen?“
Ich sagte ihr: „Mina, das fragt man doch seine Mutter nicht…“
und sie antwortete: „Aber wie sollen wir denn wieder reinkommen?“ :-O
Ich antwortete: „Na, durchs Fenster natürlich, wolltest du mich etwa rausklingeln???…“

Wie kann es sein, dass wir Erwachsenen den Kindern ihren Abenteuersinn so abgewöhnt haben???

Und ich hatte mir wirklich Mühe gegeben, das nicht zu tun.
Wir wohnten ca. zwei Monate in Krummesse, da fragte ich Luna: „Luni, warst du eigentlich schon im Geisterhaus?“
Zwischen unserem Grundstück und dem Kanal befindet sich noch ein Grundstück. Es ist meterhoch verwildert, jahrzehntelang ist das Haus nicht mehr bewohnt.
Luna sah mich mit großen Augen an und sagte: „Mama, das ist nicht unser Grundstück. Da darf man doch nicht rein. Und wie soll ich da überhaupt hereinkommen?“
Ich erwiderte, dass das Glas in der Haustür zerschlagen ist, da könnte man rein kriechen.
Sie strahlte mich an und sagte: „Oh Mama, machen wir das zusammen???“ 😀
„Nein, natürlich nicht. Ich krieche nicht durch die Scherben. Aber wenn ihr geht, lasst euch nicht erwischen. Und wenn ihr erwischt werdet, werde ich füüüüüürchterlich mit euch schimpfen.“ 😉
Sie wurden nicht erwischt. Außerdem mag ich den Besitzer dieses Grundstückes sehr.  🙂

Es ist schon seltsam, mich hätte man keine zwei Stunden von diesem abenteuervollen Ort weg halten können…..
So, zurück zum Thema:

Später dann, wenn das Kind durch die Pubertät gegangen war, entschiedet es, was von den Dingen, die es bei den Eltern an Verhalten, Werten und Lebenserfahrungen mitbekam, nun für das eigene Leben sinnvoll und übertragbar war und was nicht.
So war es früher.

Im Heute leben Erwachsene das Leben von Kindern mit

Kinder gehen sehr oft mit einem Jahr in die Fremdbetreuung.
Das bedeutet, wenn Kinder in das Alter des bewussten Erlebens kommen, haben sie Erwachsene vor der Nase, die für ihre Unterhaltung bezahlt bekommen.
Nachmittags besuchen Kinder mit ihren Eltern andere Unterhaltungs- und Förderaktionen, wie z.B. Kinderturnen, Musikunterricht, Sportvereine usw.
Auch hier treffen sie auf Erwachsene, die sie unterhalten.
Wenn der Nachmittag mal unverplant ist, beschäftigen sich die Eltern mit den Kindern. Sie haben sich ja auch einen ganzen Teil des Tages nicht gesehen, somit möchte man ja auch gerne (im besten Fall 😉 ) gemeinsame Zeit verbringen.

Das ist sehr anstrengend. Erst einmal für die Eltern, weil sie ununterbrochen gefordert sind. Erst die Arbeit, dann Programm mit den Kindern, in Aussicht auf den Abend, wo man dann alles Liegengebliebene erledigen muss, bevor man ins Bett sinkt.
Aber auch für die Kinder. Sie sind andauernd im Fokus.
Erfolg oder Mißerfolg des Lebensprojektes Kind wird an ihnen gemessen. Ständig.

Das errechnete Ergebnis

Wenn man ein Kind mit Liebe und Aufmerksamkeit, Förderung und  Hingabe großzieht, liegt es nahe, mit einem jungen Erwachsenen zu rechnen, der aktiv, initiativ, kraftvoll und glücklich in sein Leben zieht.
Zu beobachten ist dieses jedoch oft nicht.
Wir haben noch niemals in der Menschheitsgeschichte so gut geförderte Kinder und Jugendliche gehabt und gleichzeitig nimmt die Zahl der Kinder mit Migräne, Stresserkrankungen, Depressionen und ähnliches ständig zu.
Ausbildungsfirmen stellen Ausbildungsbegleiter ein, da Jugendliche nicht mehr mit den Angestellten „mit lernen“, sondern am Ball gehalten werden müssen. Sie brauchen die Betreuung durch den Erwachsenen, Eigeninitiative und Lösungsorientiertes Denken ist oft nicht zu finden.
Kinder nehmen Antidepressiva, viele greifen auf Drogen zurück, um den Stresspegel mal runter zu bringen und sich entspannt zu fühlen.
Viele Schulabgänger wissen nicht, was sie in ihrem Leben machen sollen und machen erst mal gar nichts.
Meine Töchter berichten von nicht wenigen Mitschülern und auch meine Praxis ist voll von Jugendlichen, die Marihuana wie Schokolade konsumieren.

Dabei strengen sich die Eltern so an.
Mein Tipp: Streng dich mal nicht so an. Das ist gar nicht nötig.
Mach die Dinge, wenn du mit deinen Kindern zuhause bist, die du eh noch machen musst. Normales Leben. Dann hat man sogar den Abend für sich. Was für eine Aussicht 😉 .
Überlasse es den Kindern, sich selber zu unterhalten.
Halte es aus, dass sie nach dem morgendlichen Unterhaltungsprogramm eine Fortsetzung erwarten und nicht wissen, was sie nun machen sollen.

Kreativität entsteht aus Langeweile

Bring gerne eine Idee mit ein, z.B. Höhle bauen unterm Esstisch.
Was sie dafür brauchen, woher sie es organisieren und wie sie es durchführen, überlasse ihnen.
Wenn es nicht klappt wie sie es sich vorstellen, mute ihnen den Frust zu.
Vielleicht einen Tipp geben, wenn überhaupt, dann allein weiter machen lassen.
Kinder müssen mal unbeobachtet sein dürfen. Eltern übrigens auch 😉

Viel Spaß beim gemeinsamen, echten Leben ♥

 

 

2 Antworten auf „Früher lebten Kinder das Leben von Erwachsenen mit…“

  1. Liebe Nicky!
    Genau so ist es! Wie schön, dass du es wieder in Erinnerung rufst, wie wichtig die eigenen Erfahrungen und Abenteuer sind. Das darf man wirklich keinem Kind nehmen. Liebe Grüße von Alexi ❤️

    1. Dankeschön, liebe Alexi.
      Aber es gehört auch Mut dazu, die Kinder mal „ihr Ding“ machen zu lassen.
      Die Zeiten haben sich sehr verändert. Aber sich dieses Thema bewusst machen und Stück für Stück den Kindern das „echte“ Leben zumuten… 🙂

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